Ist da Kortison drin?

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Mitte der 90er Jahre waren meine Freundin Sandra und ich Pharmaziepraktikantinnen in Berlin. Das Studium lag gerade hinter uns, und selbst, wenn man uns aus dem Tiefschlaf geweckt hätte: die Strukturformel von Kortison hätten wir in Sekunden aufzeichnen können. Wenn Sandra mal was aus der Apotheke brauchte, während sie frei hatte, machte sie sich diesen Spaß: Was immer der Apotheker ihr über den Tresen reichte – abschwellendes Nasenspray, Pflaster oder eine Wund- und Heilsalbe – fragte Sandra mit schriller Stimme und weit aufgerissenen Augen: „Ist da Kortison drin?“

Natürlich konnte sie sich diese Frage selbst beantworten, aber die Genervtheit und Verzweiflung ihres Gegenübers haben sie amüsiert: Genervtheit, weil Kortison aus Pharmazeutensicht zu Unrecht so umstritten ist: Schließlich ist es ein hochpotenter Arzneistoff, der schon ungezählte Leben gerettet hat und gerade Allergikern den Alltag massiv erleichtert – mit dem aber eben auch zu leichtfertig umgegangen wird. Verzweiflung, weil Kortison ein Arzneistoff ist, der das normale Beratungsgespräch fast immer sprengt. Dabei ist Information so wichtig, damit man von Kortison möglichst nebenwirkungsarm profitieren kann, wenn es denn nötig ist. Bevor ich das jetzt lang und breit erkläre, poste ich hier einen Text von mir, der Anfang 2015 in der BRIGITTE woman erschienen ist. Viel Spaß beim Lesen.

 

Anmerkung: Ich habe diesen Text Dr. Jörn Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthmazentrum Westend sowie Dr. Silke Herold vom Fachkrankenhaus für Dermatologie Schloss Friedensburg noch einmal vorgelegt, weil er eben schon über drei Jahre alt ist. In einzelnen Punkten wurde er aktualisiert und weicht daher von der gedruckten Fassung ab.

 

Muss es immer Kortison sein?

Kaum ein Wirkstoff ist so umstritten wie das lebensrettende Hormon.

Man nimmt es einfach nicht gern. Kortison, das ist doch der Tausendsassa unter den Arzneistoffen, die Wunderwaffe für akute Entzündungen und Allergien jeder Art. Die Arznei, die man hochdosiert bekommt, wenn einem Arzt gar nichts mehr einfällt. Oder die man eine Woche lang auf ein Ekzem schmiert, das sofort wiederkommt, sobald man die Salbe absetzt.

Solche Erfahrungen allein schaffen Unbehagen. Und wenn man erst mal die Liste der möglichen Nebenwirkungen von Kortisontabletten studiert hat, möchte man sie am liebsten gleich wegwerfen: Muskelschwäche, Osteoporose, ein erhöhter Augeninnendruck und ein ebensolcher Blutzuckerspiegel, Linsentrübung, ein größeres Risiko für Infektionen… und das sind nur ein paar davon. Außerdem legt man leicht ein paar Pfunde vor allem am Bauch zu, was für viele besonders belastend ist.

Bei hohen Dosen kommen die Probleme mit Sicherheit

Und diese Probleme kommen zuverlässig, wenn man das Mittel hoch dosiert länger als ein paar Wochen oder Monate nimmt. Das sei so sicher „wie das Amen in der Kirche“, sagt Dr. Jörg Kleine-Tebbe von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. Denn Kortison ist nicht irgendein Wirkstoff. Genau genommen ist es eine ganze Arzneistofffamilie, die man „Glukokortikoide“ nennt. Meist gibt sich ein Kortikoid durch die Endung „-on“ zu erkennen, typische Vertreter sind neben dem Klassiker Hydrokortison zum Beispiel Prednisolon oder Beclomethason. Sie alle sind dem körpereigenen Stresshormon Cortisol nachempfunden, das in der Nebennierenrinde gebildet wird. Dieses Hormon fährt das Immunsystem herunter und unterdrückt so sehr effektiv Entzündungen aller Art. Es hat aber noch viele weitere wichtige Aufgaben im Körper, und genau das sorgt für die lange Liste ernster Nebenwirkungen.

Notfallmediziner können auf Kortison nicht verzichten

Dennoch haben Allergologen wie Jörg Kleine-Tebbe einen anderen Blick auf den umstrittenen Wirkstoff, vor allem auf die heute gängigen Kortisonpräparate für die Nase, die Augen oder zum Inhalieren. „Kortisonsprays haben die Asthmabehandlung revolutioniert“, so der Experte. „Sie sind ein absoluter Segen“, sagt er. „Dass ein Patient mit Tatütata in Krankenhaus muss wegen akuter Atemnot – das gibt es doch heute kaum mehr.“ Denn dank dieser Sprays lasse sich die Entzündung so einstellen, dass man im Alltag gut zurecht kommt. Notfallmediziner können auf Kortison ohnehin nicht verzichten: Beim anaphylaktischen Schock, der schwerstmöglichen allergischen Reaktion, rettet ein intravenöser Medikamentencocktail mit Kortison das Leben.

Und auch anderswo zeichnet sich ab, dass das Mittel besser ist als sein Ruf: Bei Rheuma zum Beispiel erlebt es gerade ein Comeback, nachdem andere Arzneien in die Kritik geraten sind. Und viele lokal anzuwendende Kortisonpräparate wie etwa Salben gegen Sonnenbrand oder eben Heuschnupfen-Nasensprays sind mittlerweile rezeptfrei zu haben – ein Garant für eine hohe Arzneimittelsicherheit, denn die Entlassung aus der Rezeptpflicht ist immer erst dann möglich, wenn sich ein Wirkstoff über Jahre hinweg als gut verträglich erwiesen hat. Auch aufgrund dieser Erfahrungen entfiel zudem kürzlich die Verpflichtung, in der Apotheke angefertigte Rezepturen mit dem Hinweis „enthält Kortison“ zu kennzeichnen, wenn der Wirkstoff verarbeitete wurde.

Wundermittel oder Teufelszeug?

Aber was ist Kortison denn nun, Wundermittel oder Teufelszeug? „Beides“, sagt Kleine-Tebbe. „Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.“ Wird das Mittel nur lokal eingesetzt, wie etwa in Salben gegen Ekzeme, in Asthmasprays, oder Heuschnupfenpräparaten für Augen und Nase, gelangt im Normalfall nur wenig davon in die Blutbahn. So wenig, dass man sicher ist vor den gefürchteten Nebenwirkungen. Moderne Wirkstoffe werden zudem sehr schnell abgebaut, sobald sie im Blut angekommen sind. Und was ist mit dem Problem, dass die Haut auf Dauer von Kortisonsalben nach und nach dünner wird? Das ist bei Neurodermitis zum Beispiel ein großes Thema, weil entzündete Haut ohnehin schon mehr durchlässt als gesunde. „Die Schleimhaut bildet sich erwiesenermaßen nicht zurück“, sagt Kleine-Tebbe. „Sie behält ihre Barrierefunktion.“ Ein wichtiger Unterschied.

Kortisonsprays sind auch bei schwerem Heuschnupfen die Mittel der ersten Wahl, denn wer massive Beschwerden hat, kommt mit Antihistaminika für gewöhnlich nicht aus. „Es sind die wirksamsten Präparate“, so Kleine-Tebbe. Ihr Einsatz ist fester Bestandteil medizinischer Leitlinien zur Behandlung von Asthma oder allergischem Schnupfen. Es ist durch zahlreiche Studien belegt, dass ihr Nutzen die Risiken hier deutlich übersteigt. Die Sprays und Tropfen bringen allerdings nichts bei der akuten Attacke, ihre Wirkung baut sich nach und nach auf und erreicht oft erst nach drei Tagen ihr Maximum. Und natürlich muss man immer abwägen, mögliche Nebenwirkungen genau beobachten. Es hat sich zum Beispiel bestätigt, dass Kinder, die Asthmasprays mit relativ hoher Kortisondosis brauchen, im Schnitt etwa drei Zentimeter kleiner bleiben als andere Kinder. Das ist natürlich beunruhigend für die Eltern. Noch viel beunruhigender wäre es aber, bei jedem ausgelassenen Toben mit einer lebensbedrohlichen Atemnot rechnen zu müssen. „Selbst hier muss man sagen: Im Schnitt überwiegen die Vorteile“, sagt Jörg Kleine-Tebbe.

Man muss besonnen sein

Kortison ist also vor allem ein enorm potenter Wirkstoff, den man verantwortungsvoll einsetzen muss. Besonders kritisch betrachtet Experte Kleine-Tebbe darum Kortison-Depotspritzen. Sie werden in den Pomuskel gespritzt und setzen den Entzündungshemmer dort kontinuierlich frei: Die schnelle Nummer für vier Wochen Beschwerdefreiheit. Aber die hat einen hohen Preis: „Diese Mittel bügeln wochenlang die körpereigene Hormonachse platt. Die Nebennierenrinde wird faul, und alles kommt durcheinander“, so der Experte. Genau das bringt dann auf Dauer die gefürchteten Nebenwirkungen. Hinzu kommt: An der Einstichstelle am Po bildet sich vielleicht eine hässliche Delle, weil dort Gewebe abgebaut wird.

Dann schon besser Kortison-Tabletten. Die kommen nicht nur etwa dann zum Einsatz, wenn man auf einen Insektenstich mit einer Schwellung oder auf ein Penicillin mit Ausschlag am ganzen Körper reagiert. Sondern auch bei heftigem Heuschnupfen, falls ein Patient mit Antihistamin-Tabletten und lokal wirksamen Kortisonpräparaten allein nicht zurecht kommt. Oder eben bei Asthma. „Wenn man mit der Behandlung am Ende der Fahnenstange angekommen ist, kann man ein bis zwei Wochen lang 20 bis 25 Milligramm Prednisolon geben“, sagt Kleine-Tebbe. Der Zeitraum sei zu kurz, als dass die Dosierung einen bleibenden Einfluss auf die körpereigene Hormonproduktion nimmt. Eine solcher Kortisonstoß kupiert die allergische Entzündungsreaktion und verschafft dem Patienten eine Pause, in der die Schleimhäute sich regenerieren können. Zu oft hintereinander gegeben, wäre eine solche Behandlung allerdings mit zunehmenden Nebenwirkungen belastet. 

Mit Tricks Nebenwirkungen vermeiden

Man muss also tricksen, um die gefürchteten unerwünschten Wirkungen zu vermeiden. Bei Neurodermitis hat sich die so genannte proaktive Behandlung auch für die lokale Therapie durchgesetzt. Das heißt, man nimmt einmal 14 Tage lang eine Kortisoncreme, dann sind die quälend juckenden Ekzeme für gewöhnlich erst mal weg. Und dann verhindert man den erneuten Schub mit einer einmal wöchentlichen Applikation, oder zögert ihn zumindest heraus.

Aber ganz egal, wie gut man das Mittel inzwischen zu nehmen weiß, richtig ist immer noch: Es heilt nicht. „Kortison wirkt rein symptomatisch“, sagt Dr. Silke Herold vom dermatologischen Fachkrankenhaus Schloss Friedensburg in Thüringen, das sich auf die kortisonfreie Behandlung von Neurodermitis, Schuppenflechte oder allergischen Ekzemen aller Art spezialisiert hat. „Man bekämpft damit nicht die Ursachen.“ In Friedensburg greift man auf den Wirkstoff wirklich nur bei lebensbedrohlichen Notfällen zurück.

Was steckt hinter der Allergie?

„Viele unserer Patienten haben über Jahre hinweg Kortison gecremt und geschluckt, wenn sie hier ankommen“, so die Chefärztin. „Und dabei die Erfahrung gemacht, dass die Haut nach jedem Absetzen schlimmer wird“. Für Silke Herold ist das keine Überraschung: „Eine Neurodermitis ist wie ein Leuchtfeuer, das der Körper zündet, um auf ein Problem aufmerksam zu machen“, sagt sie. „Und Kortison ist die Glasglocke, die man drüber stülpt, damit es keinen Ärger macht.“ Nur funktioniere das nicht: „Der Körper zündet dann weitere Feuer an. Das ist ein Schutzmechanismus.“

Ihr geht es deswegen darum, auf das einzuwirken, was hinter der Allergie steckt. Keine leichte Aufgabe, zumal bis heute längst nicht klar ist, warum eine Person mit Ausschlag auf den Modeschmuck aus Nickel, die Latexhandschuhe oder einen Zusatzstoff in der Hautcreme reagiert, während viele andere ohne weiteres damit in Kontakt kommen können. Oder warum manche Leute auf bestimmte Trigger wie Infekte, Stress, Medikamente, Schimmelpilze oder die Kleidung mit Neurodermitis reagieren. Darum setzt man in Friedensburg vor allem darauf, die Widerstandskraft jedes einzelnen Patienten zu stärken – mit alternativmedizinischen Verfahren wie Neuraltherapie, Homöopathie oder Pflanzenwirkstoffen, aber auch mit Psychotherapie und vor allem Entspannungsverfahren. Zudem gehört eine Ernährungsumstellung dazu. „Die Belastungen des Alltags immer auszubalancieren kostet unter anderem Vitamine und Mineralstoffe“, so die Dermatologin. Das Ziel ist es, die Balancefähigkeit des Menschen wieder herzustellen. „Wenn man das hinbekommt, braucht man auf Dauer kein Kortison“, davon ist Silke Herold überzeugt.

Auch die Sprays sind nicht ganz ohne

Zumindest nicht bei entzündlichen Hauterkrankungen. Bei Asthma wie bei vielen anderen Einsatzbereichen des Wirkstoffs sei es allerdings nochmal etwas anderes. Zwar könne man auch die Atemwegserkrankung als Warnsignal des Körpers deuten. Aber: „Wenn Lungengewebe durch eine Entzündung total vernarbt, fällt es aus für den Sauerstoffaustausch“, so die Expertin. „Denn es kann sich längst nicht im selben Umfang wie die Haut regenerieren.“

Dennoch ist sie für einen sehr besonnenen Einsatz, denn ganz ohne seien die Asthmasprays auch nicht: Beim Inhalieren legt sich der Wirkstoff auf die Mundschleimhaut und schwächt die dortige Immunabwehr. Das bedeutet: Erreger, die man sich jeden Tag unter anderem mit der Nahrung in den Mund steckt, setzen sich leichter fest. „Solche Infektionen, auch mit Pilzen, können dann aber unter Umständen wiederum Asthma-Attacken auslösen“, sagt Herold. „Ein möglicher Teufelskreis.“ Sie rät deswegen dazu, die Mundschleimhaut genau zu beobachten und schnell zu reagieren, wenn zum Beispiel ein schlechter Geschmack auf der Zunge auf einen Erreger hinweist. Und außerdem empfiehlt sie jedem Allergiker, selbst etwas für die eigene Widerstandskraft zu tun. Mit gesunder Ernährung zum Beispiel, mit Sport und Entspannung. Davon profitieren ganz offenbar auch Asthmatiker. Eine kleine Studie mit etwa 80 Patienten zeigte beispielsweise kürzlich, dass sich ihre Lebensqualität durch einen achtwöchigen Achtsamkeitskurs zur Stressbewältigung spürbar verbessert.

 

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