Haben Sie auch was Pflanzliches? Warum zwischen Phytotherapie und Homöopathie Welten liegen

Allgemein Apotheken-FAQ

Ob es da auch was Sanftes gebe, gehört definitiv zu den Fragen, die einem in der Apotheke häufig gestellt werden. Fast immer ist die Antwort ja. Es gibt fast immer eine Alternative zur „chemischen Keule“, also zu einem Medikament mit einer festgelegten Milligrammzahl eines einzigen, im Labor (in der Fabrik) zusammengebauten Wirkstoffs. Es gibt pflanzliche Mittel, es gibt homöopathische Mittel, und dann gibt es noch ein paar mehr Arten, die eher selten verlangt werden, etwa anthroposophische Mittel (die auf Rudolf Steiner zurückgehen) oder spagyrische Medikamente (für die man aufwändig hergestellte Asche in Wasser löst). Nur, was man sich nicht immer so klar macht: Innerhalb dieser Alternativen sind die Unterschiede gigantisch. Zum Beispiel zwischen Phytotherapie und Homöopathie.

Pflanzliche Mittel sind die Vorläufer der chemischen Substanzen

Pflanzliche Mittel funktionieren im Prinzip genauso wie chemische: Man braucht eine bestimmte Dosis, und die ruft eine bestimmte Wirkung hervor, indem der Wirkstoff bzw. das Stoffgemisch an bestimmte Rezeptoren andockt bzw. mit den Strukturen in den Zellen oder Erregern wechselwirkt. Zum Einsatz kommen meist Pflanzenteile (die Blätter bei der Pfefferminze) oder Extrakte daraus (wie Baldrianwurzelextrakt). Die Idee dahinter: Gegen so gut wie alles ist ein Kraut gewachsen – schließlich waren Heilpflanzen über Jahrhunderte hinweg die einzige Apotheke. Dass der Begriff „rein pflanzlich“ aber immer auch sanft be­deutet, ist ein großer Irrtum: Das Krebsmittel Paclitaxel wächst in der Eibe und gängige Wirkstoffe gegen Herzprobleme im Fingerhut.

Phytotherapie ist nicht umstritten

Die Wirkungen der Phytotherapie sind inzwischen immer besser untersucht. Es gibt nicht nur viel mehr, sondern auch bessere Publikationen als früher, wie etwa Übersichtsarbeiten, die vorhandene Daten auswerten und darum besonders aussagekräftig sind. Gute Beispiele für Phytotherapie sind Johanniskraut gegen leichte bis mittelschwere Depressionen, Baldrian bei Unruhe, Pfefferminztee gegen Bauchschmerzen oder Eichenrinden-Sitz­bäder bei Scheiden­entzündung. Die Pflanzenheilkunde ist generell nicht umstritten, und wenn sie nicht wirkt, liegt das häufig genug an zu niedrigen Dosierungen oder schlechter pharmazeutischer Qualität. Etwa, weil man einen Lebensmitteltee statt eines Arzneitees genommen hat. Trotzdem gibt es Phytotherapeutika nicht mehr auf Kassenrezept. Auch das trägt dazu bei, dass sie mit wesentlich weniger gut bewiesenen sanften Methoden in einen Topf geworfen wird.

Homöopathie: Mit Bienengift gegen Bienenstiche

Homöopathischen Mitteln (meist sind es Kügelchen, so genannte Globuli) dagegen liegt ein eine ganz andere Idee zugrunde. Nämlich „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“. Das Konzept geht zurück auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann, der es sich um 1795 ausgedacht hat. Das Prinzip dahinter: Wenn Bienengift bei Gesunden stechende Schmerzen und eine Schwellung hervorruft, dann kann es – ganz stark verdünnt – genau diese beim Kranken heilen. Globuli mit Apis mellifera (Honigbiene) kommen darum zum Einsatz bei Insektenstichen und anderen Beschwerden, bei denen stechende Schmerzen im Vordergrund stehen (z.B. Harnwegsinfekte oder Gelenkschmerzen). Bei der Wahl des Mittels sollen aber nicht nur die Symptome, sondern auch „gemüthliche und geistige Charakter“ (so hat es Hahnemann laut Wikipedia formuliert) des Patienten berücksichtigt werden. Um einen Patienten mit seinem Krankheitsbild einem bestimmten Arzneimittel zuzuordnen, gibt es ausführliche Tabellen, die Repertorien genannt werden.

Verdünnen, bis nichts mehr drinnen ist

Wesentlich dabei ist auch die Idee der Potenzen, das sind die Verdünnungen. Es wird ein Teil der so genannten Urtinktur (häufig ist das eine Mischung aus Ethanol und der Ausgangssubstanz) genommen und im Verhältnis eins zu zehn mit dem Verdünnungsmittel im Mörser minutenlang verrieben oder laaaange geschüttelt. Meist ist das Milchzucker bei Kügelchen oder Tabletten, ansonsten Ethanol oder destilliertes Wasser. So entsteht eine D1-Potenz. Für eine D2 muss man dann einen Teil der D1-Mischung nehmen und ebenso verfahren. Und auf KEINEN FALL darf man für eine D3 gleich im Verhältnis eins zu hundert verdünnen. Denn dabei würde die Information der Substanz nicht weitergegeben. Wenn man lange genug immer weiter potenziert, entstehen irgendwann Verdünnungen, in denen rein rechnerisch kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr ist. Wohl aber ihre Energie, sagen Homöopathen. Und um die gehe es. Die hohen Potenzen gelten als besonders tiefwirkend.

Wie soll das funktionieren?

Etwas Wirkstofffreies soll also wirken. Was soll ich dazu sagen? Ich komme ja bei „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“ schon nicht mit. Es erscheint mir doch in seiner Schlichtheit als ein Gedanke aus einer Zeit, als es noch kein elektrisches Licht gab. Und in der man noch nicht ahnte, wie kompliziert das Leben auch dann ist, wenn es einem objektiv gut geht. Ich persönlich habe auch noch kein einziges Erlebnis gehabt, das mich von der Wirkung homöopathischer Arzneien überzeugt hätte. Obwohl ich eine ganze Reihe von Zipperlein mit Globuli behandelt habe, bei mir und bei meinen Kindern. Aber ich kenne kluge und tolle Frauen, die die dollsten Dinge bezeugen können. Und die sich immer schon über die auffälligsten Symptome bei ihren Kindern freuten, weil dann die Zuordnung zum homöopathischen Mittel ganz leicht wurde („Toll, sie ist rechts geschwollen!“).

Homöopathie ist nicht rein pflanzlich

Homöopathie ist also etwas ganz anderes als Pflanzenmedizin, auch, weil sie keineswegs rein pflanzlich ist, wie das Bienen-Beispiel schon zeigt. Das ist auch so ein Irrtum. Es kommen auch mineralische Ausgangsstoffe zum Einsatz, wie die Lava des isländischen Vulkan Mount Hekla. Und Substanzen wie Quecksilber oder Arsen.

Aber aufregen kann ich mich nicht

Trotzdem kann ich mich nicht aufregen über die Homöopathie. Oder wie die ehemalige homöopathische Ärztin Natalie Grams, die sich vollkommen abgewendet hat von der Methode, sagen, dass die Homöopathie „kein Teil der Medizin mehr sein sollte“. Einzelne Aspekte an ihr finde ich gut. Denn ich vermute, dass die Globuli bei manchen Menschen spürbare Selbstheilungseffekte auslösen können. Und diese Kraft in einem selbst ist eine großartige Arznei. Wer sie abrufen kann – super! Hinzu kommt, dass die klassische Homöopathie ja nicht nur Symptome lindern, sondern heilen will. Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, der manchmal vielleicht allein schon Flügel verleiht, könnte ich mir vorstellen.

Der Hochmut der Gesunden

Darum würde es mir nicht einfallen, die Homöopathie – ganz egal, wie unmöglich es ist, sie naturwissenschaftlich nachzuvollziehen – zu verdammen oder zu verlachen. Das tut nur der, der das Glück hat, mit der Schulmedizin noch nie ratlos gewesen zu sein. Wer lange genug Schmerzmittel wegen seines Fersensporns genommen hat, mit Physiotherapie nichts erreichen konnte und Stoßwellentherapie sowie Operation scheut, wird sich Hekla lava Globuli öffnen. Schließlich macht Diclofenac auf die Dauer Magen- und Nierenprobleme. Und wenn jemand seine Magenschmerzen mit  Nux vomica in den Griff kriegt, statt die viel zu oft konsumierten Protonenpumpenhemmer zu nehmen und Nebenwirkungen wie Osteoporose und womöglich auch Herzinfarkte zu riskieren, dann kann ich das auch nur gut finden. Immer vorausgesetzt natürlich, man weiß, ab welchem Punkt man wirklich die Schulmedizin braucht. Und immer auf eigene Kosten. Denn dass Krankenkassen wirkstofffreie Medikamente übernehmen, finde ich nicht richtig. Da bin ich ganz bei den Homöopathie-Gegnern. Das kann jeder selbst bezahlen, zumal diese Mittel ja auch immer nur ein paar Euro kosten.

Wenn Globuli und Co nicht wirken, braucht einen das aber auch nicht zu überraschen. Anders als bei der richtig dosierten Phytotherapie. Meine persönliche Vermutung ist, dass es einfach Menschen gibt, deren System auf Homöopathie anspringt, und andere, die auf den Impuls zur Selbstheilung – sei es nun durch „Information“ oder durch Suggestion in Form von Kügelchen oder anderen Mitteln – nicht reagieren. Ich gehöre eindeutig zu den letzteren.

 

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